Archive of February 2010

February 25

Das weisze Zentrum und die schwarze Peripherie

BenutzerInnen der öffentlichen Busse sind schwarz. Ankuenftlinge am internationalen Terminal sind weiß. Die Hausangestellten und Security-Beamte, die am Eingang der Gated Communities sitzen, sind schwarz. Die BewohnerInnen sind weiß. PolizistInnen und Drogendealer sind schwarz. PolitikerInnen sind weiß. Die Peripherie ist schwarz. Das Zentrum ist weiß. Während dieses Bild für Gesamtbrasilien in dieser Schärfe nicht mehr zutrifft, ist die Trennung der Gesellschaft in schwarz und weiß im Bundesstaat Bahia noch immer offensichtlich. Obwohl offensichtlicher Rassismus verpönt ist, es einen „Rassismusnotruf“ gibt undz.b. in Faellen, bei denen Lokale die BesucherInnen nach Hautfarbe selektieren, die Polizei einschreitet (im Gegensatz zu Österreich) besteht die Trennung in schwarz und weiß weiterhin.

Sklavenhaltervergangenheit

Bahia ist der Bundesstaat mit dem höchsten Anteil an afobrasilianischer Bevölkerung. In Salvador, der ersten Hauptstadt Brasiliens, landeten die meisten Sklavenschiffe aus Westafrika. Der Mercado Modelo ist heute ein Touristenmarkt, der Keller mit den Verliesen erinnert aber noch immer an die Vergangenheit als Sklavenmarkt. Bei der Ankunft wurden die unterschiedlichen afrikanischen Sprachgruppen und Kulturen bewusst durchmischt. Die Formierung von Widerstandsgruppen sollte so verhindert werden. Trotzdem bildeten sich in Bahia und im gesamten Nordosten immer wieder solche Bewegungen. So haben Capoeira, eine als Tanz getarnte Kampfform und Quilombos, Wirtschaftsgemeinschaften von geflüchteten SklavInnen und Indigenen, ihren Ursprung in afrobrasilianischen Widerstandsgruppen. Manche der Quilombos bestehen bis heute als autonome Agrargemeinschaften weiter.

Afrobrasilianisches Selbstbewusstsein

Nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei durch Princesa Isabela 1888 – von vielen auch als ökonomische Maßnahme interpretiert, weil die Sklaverei zu teuer für die Plantagenwirtschaft wurde – waren die ehemaligen SklavInnen ohne jede Einkunftsmoeglichkeit, weil sie keinen landwirtschaftlichen Besitz hatten. So bildeten sich rasch große Armenviertel rund um die Städte, um Rio de Janeiro und São Paulo vor allem mit MigrantInnen aus dem brasilianischen Nordosten. Aber auch Salvador wuchs und waechst rasant. Die afrobrasilianische Kultur wird einverleibt und vermischt sich mit der europaeischen, gleichzeitig werden die afrikanischen Wurzeln aber verschwiegen. Sogar eine Phase des embraquecimento, eine offiziellen Politik zur „Einweißung“ der brasilianischen Bevölkerung durch den gesteuerten Zuzug europäischer Bevölkerung, durchlebt Brasilien. Die afrobrasilianische Bewegung gewinnt in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts an Bedeutung. Im Zentrum dieser Entwicklung steht Salvador. Capoeira wird verstaerkt mit Bezugnahme auf die historischen Umstaende dieses Tanzkampfs unterrichtet. Der Candomblé, eine synkretistische Religion mit afrobrasilianischen und katholischen Elementen, war immer praesent in Bahia, war aber als teuflische Religion verschrien. Im Zuge des Erwachens afrobrasilianischen Selbstbewusstseins wird die Religion gefoerdert und aus dem satanischen Eck geholt. Politische Gruppen wie das Instituto Steve Biko (in Erinnerung an den südafrikanischen Freiheitskämpfer) und Musikgruppen wie Olodum, die den Samba-Reggae als Mischung aus jamaikanischem Offbeat und brasilianischer Percussion erfinden, werden geboren und fördern weiter das afrobrasilianische Selbstbewusstsein. Das koloniale Zentrum von Salvador rund um den alten Pranger (Pelourinho) wird renoviert und etabliert sich als Zentrum für die afrobrasilianischen Gruppierungen. Heute ist der Pelourinho das touristische Zentrum und der Samba-Reggae und Axé Musik gelten als baianische Exportschlager. Als Michael Jackson gemeinsam mit Olodum unter anderem am Pelourinho ein Video dreht, scheint der Siegeszug afrobrasilianischen Selbstbewusstseins nicht mehr aufzuhalten. Trotz allem bleibt die Peripherie schwarz, und das Luxuszentrum abseits des Pelourinhos weiß.

Ein brasilianischer Obama?

Während manche meinen, dass nicht rassistische Motivationen dafür Ursache sind, sondern einzig und allein die historische Entwicklung der sozialen Schichten, zeigen Studien, dass die vertikale Mobilität, d.h. das Vermögen im Gesellschaftsgefüge aufzusteigen, bei Weißen weit höher ist als bei Schwarzen. Die Regierung Lula, seit nunmehr 8 Jahren im Amt, hat deswegen viel diskutierte „quotas raciais“, „Rassenquoten“, an den Universitäten eingeführt um die vertikale Mobilität der afrobrasilianischen Bevölkerung zu erhöhen. Ein erster persoenlicher Eindruck ist, dass dieses Programm und andere Stipendienprogramme der Regierung die Chancen auf einen Universitätsabschluss der afrobrasilianischen Bevölkerung deutlich erhöht haben. Die Wirtschaftsförderungsprogramme der Regierung (Plano de Aceleração do Crescimento, Pakt zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums) haben außerdem den formellen Arbeitssektor vergroeszert. Und auch politisch tut sich einiges: vor wenigen Jahren noch unverstellbar ist die derzeitige Bürgermeisterin von Lauro de Freitas, der Schwesterstadt von Salvador, eine schwarze Frau. Mit ihr sind viele AfrobrasilianerInnen erstmals in die Institutionen der Stadtgemeinde eingezogen – als Gemeinderaete und Gemeindebedienstete . Ob es also bald einen brasilianischen Obama geben könnte? Viele BrasilianerInnen sind skeptisch: wahrscheinlicher sei, dass zuerst eine Frau und erst viel spaeter ein Schwarzer das Präsidentenamt übernehmen koenne. Es ist ein steiniger Weg von den Senzalas, den Sklavenquartieren, bis in den Praesidentenpalast in Brasilia.

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February 07

2 Monate Brasilien erleben

Eine Woche nach dem Ende des Karnevals werden wir nächsten Dienstag in Salvador ankommen und dort in die brasilianische Gegenwart und auch in unsere Vergangenheit eintauchen. Vor 10 Jahren hat Johannes am Stadtrand von Salvador, in Itinga, seinen Zivildienst absolviert und Ulla hat unter anderem dort ihre ersten Brasilienerfahrungen gesammelt.

Neben Besuchen bei FreundInnen freuen wir uns auch auf eine ausführliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen brasilianischen Lebensrealitäten. In Salvador kommen wir bei Silvia Santangelo Jura und Célia Mara unter, die gerade gegen die Enteignung der Vila Brandão kämpfen. Küstennahe Wohnviertel sollen großen Immobilienprojekten, vor allem großen Hotelketten, weichen. In Bahia und Pernambucco werden wir uns mit der Frage der Biotreibstoffproduktion und damit in Verbindung stehenden Landkonflikten auseinandersetzen und die Landlosenbewegung CETA und die Landlosenpastoral CPT besuchen.

Ein weiterer Konflikt um die Produktion von Energie bahnt sich am Rio Xingu im Bundesstaat Pará an: dort soll in den nächsten Jahren ein riesengroßes Staudammprojekt entstehen, gegen das sich großer Widerstand, unter anderem durch die Bewegung der von Staudämmen Betroffenen (MAB), bildet.  Wir wollen uns vor Ort darüber informieren. Aber auch musikalisch gibt es vieles zu entdecken: Samba-Reggae in Salvador, Forró und Mangue Beat in Recife und in der Reggae-Hauptstadt Brasiliens, São Luis, werden wir uns ausführlich dem Offbeat hingeben.

In diesem Blog wollen wir über unsere Erlebnisse berichten, für unsere Ohren wird Ulla nach unserer Rückkehr außerdem einige Radiosendungen produzieren. Bleibt dran - und bis bald!

Ulla und Johannes

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