Archive of March 2010

March 29

Sprechgesang aus Pernambuco

Wer glaubt, die Rapper und Hip Hopper hätten den Sprechgesang erfunden, der liegt völlig falsch. Die Altmeister der Reime, die Urväter des Poetry Slams, die findet man zum Beispiel im Nordosten Brasiliens. Etwa bei einem Nachmittagspaziergang durch Olinda.

Lustwandeln bei den kolonialen Zuckerbaronen
Am Sonntag machen viele BewohnerInnen Recifes, der Hauptstadt des nordöstlichen Bundesstaates Pernambuco einen Ausflug ins benachbarte Olinda. Dort war die ältere Ansiedelung der portugiesischen Kolonialherren in dieser Region. Die Zuckerbarone bauten dort ihre Stadtresidenzen. Das heutige Recife war damals der Hafen, an dem das Zuckerrohr verschifft wurde und wo die afrikanischen Sklaven ausgeladen wurden, die das Zuckerrohr schneiden sollten.
Doch irgendwann änderte sich das. Die Geschäftsleute aus Recife kämpften mit den Plantagenbesitzern aus Olinda um die Macht und setzten sich durch. Recife wurde zur Metropole. Es zählt heute knapp drei Millionen EinwohnerInnen. Die Altstadt von Olinda wiederum ist heute eine Art Freilichtmuseum. Ein entzückender Ort mit bunten, sauber renovierten Kolonialhäusern. Ein Ort für TouristInnen, KünstlerInnen und eben SonntagsausflüglerInnen, die dem Lärm Recifes entkommen wollen.

Die Doktorin und der Künstler
In Olinda flaniert man dann auf dem Hügel zum Praca da Se und kauft sich bei einem der zahlreichen Essenstände ein Tapioca, eine Art gefülltes Omelette aus dem Mehl der Maniok-Wurzel. Wahlweise mit Fleisch und Käse oder mit Banane und Schokosauce gefüllt. Ich mehr die Herbe, Johannes der Süße.
Man genießt die beinahe kitschige Aussicht auf die Altstadt und das dahinterliegende Meer. Und wenn man Glück hat, dann bekommt man auch ein Ständchen dargeboten. Am Alto da Se trifft man nämlich sogenannte „Repentistas“. Das sind Duos von älteren Herren mit Steelgitarren (Violas). Sie nähern sich BesucherInnen und dichten ihnen spontan Verse: Sprechgesang in Form von Doppelconferencen:
„Diese jungen Leute hier kauen Tapioca. Die wissen, wie man sich gut ernährt. Ich glaub, die sind aus Porto Alegre oder Santa Cantarina.“ – „Nein, nein, die kommen aus Sao Paulo, aus Minas Gerais oder Rio. Die da ist, glaube ich, Doktorin und der junge Mann schaut aus, als ob er Künstler wäre.“
Sie verdächtigen uns, aus dem Süden Brasilliens zu kommen. Das wäre durchaus denkbar, denn dort gibt es viele Menschen mit heller Haut und blauen Augen. Dort gibt es immerhin auch Ortschaften, die „Blumenau“ heißen und Oktoberfeste feiern.

Die kleine Löwin und die Liebe
Repentistas gab es früher angeblich auch in Portugal und heute lebt diese Tradition vor allem im Nordosten Brasiliens weiter. Der Begriff kommt vom portugiesischen Wort „repente“, was soviel heißt, wie „auf der Stelle“. Die Kunst besteht nämlich darin, sich möglichst schnell spontan etwas passendes für die jeweiligen ZuhörerInnen auszudenken. Dabei treten die beiden Dichter quasi in den Wettstreit miteinander, wer die originelleren Verse erfindet.
Die Volkspoeten beschreiben, wie die Leute aussehen, was sie gerade tun, stellen Mutmaßungen über Beruf und Herkunft an und Spekulationen darüber, ob die Beziehung des jeweiligen Pärchens harmonisch verläuft. Wir haben Glück: „Er findet diese kleine Löwin aufregend. Und sie ist ganz glücklich, wenn sie in seiner Nähe sein darf.“ Echte Menschenkenner, kann man nur sagen.
Die Musik dazu ist relativ monoton. Hier in Recife bzw. Olinda spielen die Musiker auf Violas, in anderen Regionen können es auch Perkussionsinstrumente sein, z.B. das Schellentambourim Pandeiro. Das bekannteste Repentista-Duo sind Caju & Castanha (Cashew und Erdnuss), ebenfalls aus Recife.

Das Schneetreiben und der Hitler
Nach mehreren falschen Rateversuchen, verraten wir es den beiden Sprechsängern schließlich: wir kommen aus Österreich, aus Wien.
Und was ein echter Repentista ist, der hier in Olinda auf TouristInnen aus aller Welt trifft, der hat sich natürlich informiert über diverse Länder. Zum Beispiel über das dortige Wetter: „Sie sind aus Wien, gekommen aus der Kälte, hierher nach Brasilien, wo das Klima besser ist.“ Vor ein paar Tagen erst haben wir erfahren, dass es in Österreich wieder zu schneien begonnen hat. Und wir freuen uns gleich noch viel mehr, hier zu sein.
Aber auch über Geschichte wissen sie Bescheid, die Repentistas von Olinda: „Er wohnt in dem Land, das damals den Hitler verehrt hat.“ – „Ja, ja, der Hitler, das war ein fürchterlicher Kerl. Aber dieser junge Mann hier, der ist in Ordnung.“
Aber um ganz ehrlich zu sein, wären uns ein paar Zeilen über Kängurus fast lieber gewesen.

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Die beiden Repentistas, die uns ein Staendchen gesungen haben.

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Der Ausblick vom Largo da Sé.

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Die Altstadt von Olinda.

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March 28

Der "Held" von Candeal

Das Armenviertel Candeal in der nordostbrasilianischen Stadt Salvador da Bahia hat einen berühmten Sohn: den Musiker Carlinhos Brown. Dieser fördert dort seit mehr als zehn Jahren Sozialprojekte, um die Lebensumstände im Viertel zu verbessern.

Vom Slumbewohner zum Superstar

In Candeal, einem Stadtviertel in der Drei-Millionen-Metropole Salvador da Bahia, ist Carlinhos Brown so etwas wie ein Volksheld. Denn das Viertel mit seinen 5.500 Bewohnern und Bewohnerinnen hat dem Musiker einiges zu verdanken. Carlinhos Brown ist heute einer der Superstars der reichhaltigen Musikszene von Salvador da Bahia. Seinen Künstlernamen hat er zu Ehren von Soullegende James Brown angenommen. Seine Musik ist eine Mischung aus allen möglichen "schwarzen" Stilrichtungen: dem Samba-Reggae (dem Rhythmus der Afrobrasilianer in Salvador), Funk, Soul und Rock. Berühmt wurde er auch mit der Band Tribalistas und der Percussiongruppe Timbalada, die vor allem bei den Karnevalsumzügen von Salvador in Erscheinung tritt. Carlinhos Brown wurde 1962 in eben diesem Stadtviertel geboren. Damals war Candeal eine ärmliche Enklave umringt von Wohngegenden der Mittelschicht, ein Slum, in den sich viele nicht hinein wagten.

den vollstaendigen Text gibts auf oe1.ORF.at

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Die Musikschule Pracatum im Stadtviertel Candeal.

12:26 PM | 0 Comments
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Daniela Aguiar, Backgroundsaengerin von Carlinhos Brown.

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Eine Strasse fuer Bob Marley: In der Rua Bob Marley wurden einige Haeuser saniert.

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March 24

Auf den Treibstofffeldern von Pernambuco

Padre Tiago steht vor einem riesigen Zuckerrohrfeld, das sich bis zum Horizont erstreckt. Keine Vögel sind zu hören und keine Insekten, die Pestizide halten sie fern. „Das ist der Preis für euer grünes Ethanol“, sagt Padre Tiago und zeigt auf die Felder, „das ist kein Biotreibstoff, das ist Nektrotreibstoff, Treibstoff, der den Tod bringt.“ Seit über 20 Jahren arbeitet der schottische Befreiungstheologe für die Landlosenpastoral im Bundesstaat Pernambuco, im Nordosten von Brasilien. Neben der Betreuung von Landlosen beschäftigt er sich auch ausführlich mit den ökologischen und sozialen Folgen der Zuckerrohrproduktion.


Der Boom der Alkoholautos
Zuckerrohr wird für die Produktion von Zucker, Zuckerrohrschnaps, aber auch für die Produktion des Treibstoffs Ethanol verwendet. Seit dem ersten Ölschock in den 70er-Jahren setzt Brasilien auf Ethanol, hier üblicherweise „Alkohol“ genannt, als Alternative zum fossilen Benzin. Anfang der 80er Jahre war fast jedes Auto, das eine brasilianische Fabrik verlies, ein Alkoholauto.

Die niedrigen Ölpreise in den späten 80ern und frühen 90ern haben der Ethanolproduktion zugesetzt. Erst die hohen Ölpreise und die Einführung von Flexifuel-Autos, die sowohl mit Benzin als auch mit Alkohol betankt werden können, haben die Produktion um die Jahrtausendwende herum wieder angekurbelt.
Zwischen 2000 und 2010 verdoppelt sich die Ethanolproduktion in Brasilien. Auch Exporte erhöhen die Produktion: bereits 20% der Ethanolproduktion werden exportiert, vor allem in die USA und die Niederlande.

28.800 Hektar Zuckerrohr
Padre Tiago zeigt uns eine 28.800 Hektar große Plantage, die die Zucker— und Ethanolfabrik São José mit Rohstoffen versorgt. Die Fabrik steht in der Mitte der Plantage. In zylinderförmigen Türmen wird das Ethanol gelagert. Und das alles gehört einem einzigen Großgrundbesitzer.

Das Zuckerrohr ist überall, es wächst bis an den Straßenrand, an steilen Abhängen und bis in die Gräben der Bäche und Flüsse. Zur Zeit steht es noch niedrig. Vor kurzem erst ist die Erntesaison zu Ende gegangen. Sie dauert hier im Nordosten, von September bis Februar.

Die Plantage benötigt große Mengen an Wasser, das von den umliegenden Flüssen abgezweigt wird. Immer wieder sehen wir Bewässerungsgräben, deren Verlauf jährlich oder noch öfter verändert wird. Auch ein Staudamm wurde gebaut, um die Plantage zu bewässern. Der Bau war nur möglich, weil korrupte Beamte das OK dazu gaben, erzählt Padre Tiago. In wasserarmen Jahren wie diesen fehlt das Wasser dann in den flussabwärts liegenden Dörfern. Immer wieder kommen wir auf der Fahrt an einem völlig ausgetrockneten Flussbett vorbei.

Dreckiges Abwasser wird in Flüsse gepumpt
Wasser wird auch aus anderen Gründen knapp: mitten auf der Plantage, versteckt zwischen dem Zuckerrohr, zeigt uns Padre Tiago einen großen, schwarzen See, mit Abwasser aus der Fabrik. „Stillage“ nennt er dieses Restprodukt von Ethanol. 13 Liter Stillage werden pro Liter Ethanol produziert, und obwohl Stillage nicht hochgiftig ist, beeinträchtigt eine Einleitung in die Flüsse und ins Grundwasser die Wasserqualität beträchtlich.

Bis zum Fischsterben kann es kommen. In dieser Fabrik wird Stillage in nicht dichten Oberflächenseen gesammelt und dann teilweise als Dünger auf die Felder aufgebracht. Regen direkt nach dem Aufbringen kann die Stillage aber wieder in die Flusssysteme bringen. Manchmal, so meint Padre Tiago, schütten die Ethanolproduzenten ihren Abfall auch einfach in den Fluss. Bevorzugt am Abend oder an den Wochenenden, wenn es kaum staatliche Kontrollen gibt.

Die Ernte mit dem Buschmesser

Wir besuchen Arbeiter, die in einer kleinen Siedlung direkt auf der Plantage wohnen. Viele der Häuser sind verlassen, weil der Firmenchef die Siedlung auflassen will. Warum?, fragen wir. Um auch auf dieser Fläche Zuckerrohr anzubauen, antworten die drei älteren Männer, die mit uns reden. Der Großgrundbesitzer hat ihnen verboten, in der Siedlung Bohnen oder Mais für den Eigengebrauch anzubauen.

Und wenn sie in Pension gehen, müssen sie die Siedlung vollständig verlassen. Als Abfindung erhalten sie 5.000 Reais, rund 2.500 Euro. Viel zu wenig, um in einer der angrenzenden Kleinstädte ein Häuschen zu kaufen.

Die drei  Männer erzählen von ihrem Arbeitsalltag: alles wird mit der Hand gemacht. Sie pflanzen, spritzen, düngen und ernten, ausgestattet mit rudimentärem Werkzeug. Das Zuckerrohr schneiden sie mit dem Facão, einem riesigen Buschmesser. Das Zuckerrohr wird zuvor abgebrannt, um die scharfen Blätter zu entfernen und gefährliche Schlangen zu vertreiben.

Abgehackte Fingerkuppe und Asthma

Der Tag beginnt für sie in der Erntezeit um vier in der Früh, ab sechs stehen sie auf den Feldern und schneiden in der brennenden Hitze das Zuckerrohr – bis zu 40 Grad heiß wird es hier in den Mittagsstunden. Bis um fünf oder sechs, manchmal sogar bis  neun am Abend schneiden sie.

Die Arbeit ist ermüdend und gefährlich. Einer der drei zeigt die Narben her, die er sich selbst mit dem Facão zugefügt hat. Einschnitte an den Ober- und Unterschenkeln sind deutlich zu erkennen. An der linken Hand hat er sich versehentlich die Kuppe des Daumens abgehackt. Seit ihrer Jugend arbeiten die drei auf den Feldern. Die Arbeitsbedingungen sind über die Jahre nur wenig verbessert worden. Die Firma müsse ihnen jetzt Schutzbekleidung zur Verfügung stellen und der gesetzliche Mindestlohn wurde angehoben. Aber an den langen Arbeitszeiten, der Arbeitslosigkeit abseits der Erntesaison, der hochgefährlichen Arbeit mit Spritzmitteln, der unglaublichen Anstrengung bei der Ernte und der noch immer viel zu geringen Bezahlung, daran hat sich nichts geändert.

Bis zu 20 Tonnen ernten die ArbeiterInnen täglich, wie ein Bericht über brasilianische „Agrofuels“, erstellt von der internationalen NGO FIAN, zeigt. 15 bis 20 Jahre ist die durchschnittliche Arbeitszeit eines Zuckerrohrschneiders. Die harte manuellen Arbeit und die intensiven Sonneneinstrahlung lösen Krankheiten aus oder führen sogar zum Tod. Chemische Spritzmittel können Hautkrankheiten und Asthma verursachen, giftige Schlangen stellen eine weitere Gefahr dar.

 

Arbeitslosigkeit und Alkohol

Wir fahren weiter  in die Kleinstadt Araçoiaba, die in Mitten von Plantagen liegt. Auch hier wächst Zuckerrohr bis an den Stadtrand heran, fast so, als ob es die Stadt verschlucken wolle. Hier leben die Menschen fast ausschließlich vom Zuckerrohr. Jetzt, nach der Erntezeit, sitzt ein Großteil der Männer auf der Straße und trinkt Cachaça, den überall billig erhältlichen Zuckerrohrschnaps.

Die Häuser am Stadtrand bestehen aus Brettern und Pappe, Müll liegt auf der Straße und es stinkt erbärmlich auf Grund der offen geführten Kanalisation. Wir sprechen mit einigen jungen Männern auf der Straße: die meisten arbeiten mit Zuckerrohr und sind von März bis August arbeitslos. Ob wir keinen Job für sie in der Fabrik Sao José hätten, fragen sie uns. Ein Job in der Fabrik, das würde ein ganzjähriges Einkommen bedeuten. Aber nur wenige bekommen diese Chance.

 

Das anonyme Ende der Zuckerrohrarbeiter
Padre Tiago führt uns zum Friedhof. „Wenn man den Friedhof einer Stadt besucht, kann man viel über die Lebensumstände der Leute lernen“, erklärt er uns, „ich zeige euch, wo viele der Zuckerrohrschneider ihr Ende finden.“ Er fragt den Friedhofswärter, wo sie ihre Leichen verbrennen. Der Wärter, ein alter Mann, der geruhsam auf einem Grab sitzt, zeigt in eine Ecke – dorthin, wo sich ein riesiger Müllberg stapelt.

Während wir hingehen, fliegt ein weiterer Müllsack von der angrenzenden Siedlung über die Friedhofsmauer. Menschliche Knochen und Totenschädel liegen inmitten des Mülls. Überreste der Leichenverbrennungen. Dort enden die, deren Angehörige das Grab nicht mehr bezahlen können. Sie werden nach 2 Jahren ausgescharrt und verbrannt. Kein Platz bleibt, um sich an sie zu erinnern.


Der Engel besiegt den Satan
Am Nachmittag lernen wir ein gegenteiliges Modell der Landbewirtschaftung kennen. José Carlos dos Anjos – sein Familienname bedeutet soviel wie „Engel“ - lebt auf einer ehemaligen Landbesetzung. 1997 besetzte er gemeinsam mit mehr als 50 anderen Familien zum ersten Mal Land. 2005 ist es ihnen zugesprochen worden.

Dazwischen liegt ein langer Kampf – die erste Landbesetzung wurde 2003 unter Einsatz von roher Gewalt von der Miliz des Grundherren und von der Militärpolizei zerstört. „Weißt du, wie es sich anfühlt, wenn du nur mehr besitzt, was du am Leib trägst? Die Polizei und die Miliz des Plantagenbesitzers haben uns alles genommen.“, sagt José Carlos.

Dieser Besitzer war ein gewisser João Santos. „Santos“ sind eigentlich die Heiligen. Im Volksmund wurde er aber stets „João Satanas“, also „der Satan“ genannt, erzählt uns José Carlos.

Eigentlich steht in der brasilianischen Verfassung, dass Land, welches nicht ausreichend landwirtschaftlich genutzt wird, zu enteignen und für die Landreform zu nutzen ist. In der Praxis benötigt es aber starken Druck von den sozialen Bewegung, den Landlosen, um das Land tatsächlich diesem Zweck zuzuführen. Erst die Provokation eines Konflikts durch Landbesetzungen führt dazu, dass die staatlichen Organe ein Enteignungsverfahren einleiten.

Im Jahr 2005 erhielten José Carlos dos Anjos und die anderen Familien schließlich jeweils 8 Hektar Land.

 

Bohnen, Mais und Macaxeira statt Zuckerrohr
Die Landbesetzer haben ihre neue Siedlung nach dem Umweltaktivisten Chico Mendes benannt. José Carlos pflanzt dort heute Macaxeira, eine der Yucca ähnelnde Wurzel, Bohnen und Mais vor allem für den Eigenverbrauch an. Auch zwei Kühe hält er.

Vorher wurde auf dem gesamten Gebiet Zuckerrohr angebaut. Die Entfernung der Wurzeln und die Vorbereitung des Feldes, um den Anbau anderer Früchte zu erlauben, ist aufwändig und teuer, weil hierfür Maschinen angemietet werden müssen. Heute pflanzt José Carlos deswegen noch immer auf zwei Hektar Zuckerrohr an. Eigentlich will er vollständig weg davon. Früher war er selbst Zuckerrohrschneider und sein Vater, ein Kleinbauer, ist vom Zuckerrohr ruiniert worden.

Die schwankenden Preise und die Marktmacht der Großgrundbesitzer machen Zucker zu einem gefährlichen Geschäft für kleine ProduzentInnen. Natürlich sei es nicht leicht, und gerade in diesem Jahr, wo der Regen ausgeblieben ist, wird es schwieriger als sonst werden, am und vom Land zu leben, meint José Carlos. Aber ein freier Mensch zu sein, das sei mit nichts aufzuwiegen.

Wir fahren zurück nach Recife. Bis wir nach halbstündiger Fahrt die Autobahn erreichen, begleiten uns die Zuckerrohrfelder. So weit das Auge reicht.

11:18 AM | 0 Comments
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Zuckerrohr, so weit das Auge reicht

11:10 AM | 0 Comments
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