Happy Birthday, Brasília!

Uns ist erstmals in Brasilien kalt, als wir in Brasília aus dem Flugzeug steigen. Obwohl zwischendurch die Sonne scheint, werden wir das Gefühl aber nie so richtig los, in einer kalten Gegend zu sein. Kalt und gestresst.

Vor genau 50 Jahren, am 21.April 1960, weihte der damalige brasilianische Präsident Juscelino Kubitschek die neue Hauptstadt Brasília ein. In nur vier Jahren wurde die Stadt sprichwörtlich aus dem Boden gestampft. Um das Hinterland Brasiliens zu entwickeln, war in der brasilianischen Verfassung schon lange zuvor vorgesehen, die Hauptstadt von Rio de Janeiro nach Zentralbrasilien zu verlegen. Doch erst Kubitschek realisierte dieses Projekt. Auf einer Hochebene, die weit von jeder nächsten urbanen Ansiedlung entfernt war.

 

Der Präsident im Cockpit
In Form eines Flugzeugs legten die verantwortlichen Planer Oscar Niemeyer, Lúcio Costa und Burle Marx die Stadt an. Senat, Kongress und Präsidentenpalast konzipierten sie als Cockpit. Brasilien startet geleitet von seiner politischen Klasse durch, war damals die Botschaft.


Hunderttausende ArbeiterInnen wurden vor allem aus dem Nordosten herangekarrt, um die Stadt zu bauen. Um deren Unterkunft und die Unterkunft der mitgereisten Familien machte man sich wenig Gedanken – schließlich würden sie nach Fertigstellung der Stadt wieder verschwinden. Die Leute blieben aber großteils und Brasília ist wohl eine der wenigen brasilianischen Städte, in der die Peripherie in Form von Favelas bereits vor der Fertigstellung des Zentrums existierte.


Im Flieger geht man nicht spazieren
Für 500.000 Menschen planten die Erbauer die Stadt, heute wohnen bereits knapp drei Millionen hier. Die Vororte wuchern vom wohlgeformten Flugzeug aus in alle Richtungen. Und noch immer wird Baugrund von PolitikerInnen gratis an Menschen vergeben, vor allem um in Wahlzeiten Stimmen zu gewinnen. Die nötige Infrastruktur wird nicht mitgeplant, prekäre Wohnverhältnisse, Arbeitslosigkeit und Kriminalität prägen daher viele der Vorstädte.


Oscar Niemeyer gliederte das Flugzeug funktionell. Die Banken bekamen einen Sektor, so auch die Kirchen, die Spitäler und die Schulen. Mit Fläche wurde hier großzügig umgegangen. Die Folge: enorme Distanzen. FußgängerInnen wurden nicht mitgedacht: sechs Fahrstreifen in jede Fahrtrichtung, überfüllt mit Autos, kaum Möglichkeiten, die Fahrbahn zu überqueren und das Gefühl, bis zum Ziel einen Marathon bestreiten zu müssen, erwarten jene wackeren Helden und Heldinnen, die es dennoch zu Fuß probieren.


Der unbewohnbare Planet
Eine Tour durch die Stadt ist trotzdem beeindruckend: vom Fernsehturm aus sind die wichtigsten Gebäude zu sehen. Der Kongress und Senat befinden sich in nach oben und nach unten gewölbten Schüsseln, die Ministerien in  gleich ausschauenden, grün schimmernden Gebäuden entlang der Hauptachse. Futuristische Gebäude wie das igluförmige Museum für moderne Kunst, das Außenministerium oder die Kathedrale vervollständigen den Eindruck einer Stadt von einem anderen Planeten.


 Bewohnbar wirkt dieser Planet aber nicht. Brasilia ist ein Ort zum Arbeiten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass viele der Kongressabgeordneten und jene, die es sich leisten können, täglich oder wöchentlich per Flugzeug nach Rio de Janeiro oder São Paulo pendeln. Wir sind froh, dass wir nicht bleiben müssen und verabschieden uns im wahrscheinlich hässlichsten und hektischsten Busbahnhof Brasiliens von der Hauptstadt.

01:18 PM | 0 Comments